Der Traum vom Fliegen

Es ist an der Zeit, nein, es ist mir geradezu ein inneres Bedürfnis, einen Film vorzustellen. Und zwar einen, bei dem ich in keiner Weise mitgewirkt habe. Das tue ich ja recht selten, aber manchmal muß es sein!:)
Karima schickte mir damals den Link und ich guckte und guckte gleich noch mal und nochmal.
Ich gestehe, ich war und bin immer noch völlig geflasht, wie es so schön auf neudeutsch heißt. Mein absoluter Favorit der MachinimUWA VIII: Pursue Impossible Challenge:

INFINITE von Yesikita Coppola

INFINITE trifft nicht nur das Thema perfekt, auch handwerlich stimmt alles, angefangen bei den superslow pans und zoom-ins, dem Schnitt, dem Einsatz von Depth of Field, Voice over, den Animationen, dem Set, den Akteuren, der Musik und der Geschichte. Wie ich schon als Kommentar zum Video schrieb, einfach atemberaubend gut!
Weshalb es mir so völlig unverständlich ist, dass INFINITE einfach sang- und klanglos an den Preisrichtern vorbei gegangen ist.

Jedenfalls, für alle die die Geschichte von Ikarus und Dädalus gerade nicht parat haben, kommt nun eine kurze Einführung:)

Dädalus, genialer Erfinder, Künstler und Baumeister ist eine Figur des minoischen Sagenkreises, mithin also der griechischen Mythologie.
Für den kretischen König Minos erbaute Dädalus das Labyrinth, in dem dieser den Minotaur, ein monströses Monstrum, welches aus der Vereinigung von Minos Gemahlin Pasiphaë mit einem von Poseidon an Minos gesandten Stier entsprang, einsperrte. Die gute Pasiphaë traf keine Schuld, da Minos Poseidon betrog und statt des von Poseidon gesandten Stieres ein anderes Rindvieh opferte. Aus Rache für diesen Betrug sorgte Poseidon eben dafür, dass es Pasiphaë nach einer Vereinigung mit dem Stier gelüstete…eine ziemlich schräge Phantasie hatten die alten Griechen…

Jedenfalls ließ Minos von Dädalus das Labyrinth als Gefängnis für den Minotaurus, übrigens ein Wesen mit menschlichem Körper und dem Kopf eines Stieres, bauen und das monströse Monstrum dort einsperren. Das geschah auf Bitten von Minos Tochter Ariadne, die ihrem Stiefbruder damit für eine Zeit das Leben rettete, da König Minos das Ungeheuer eigentlich sofort und auf der Stelle töten wollte.

Da Minos allerdings immer noch einen Hals auf die Athener hatte, da Gerüchten zufolge Aigeus, König von Attika, Minos‘ Sohn Androgeos zu dem Stier des Poseidon, der sich mittlerweile, von Herakles dort hingeschafft, auf dem Peleponnes befand, hingeschickt hatte, damit er dem Wüten des Stieres ein Ende setzte.
Nun kam jedoch Androgeos bei dem Kampf mit dem Stier um, was Minos nicht nur leicht erzürnte.
So machte er sich auf nach Athen, besiegte König Aigeus und dessen Streitmacht und legte den Athenern zur Strafe einen Tribut auf: Alle paar Jahre mußten sieben Jungfrauen und Jünglinge nach Kreta geschafft werden, wo sie dem Minotaurs geopfert wurden. Quasi rein ins Labyrinth, welches Dädalus so geschickt gebaut hatte, dass es daraus normalerweise kein Entkommen gab, und zack, vom Minotaurus gefressen.
Irgendwann fuhr dann Theseus, einer der größten Helden der griechischen Mythologie und Sohn von Aigeus, mit nach Kreta um die Athener Jungfrauen und Jünglinge, die diesmal geopfert werden sollten, zu retten.

Es kam, wie es kommen mußte, Ariadne verliebte sich in Theseus und gab ihm neben einem Schwert auch noch den berühmten roten, also den Ariadnefaden.

Damit nähern wir uns auch so langsam dem Kern, denn Ariadne hatte den Faden von wem? Genau, von Dädalus erhalten und dazu auch gleich noch eine Anleitung wie der Faden im Labyrinth zu verwenden sei, denn so Helden wie Theseus sind zwar stark und mächtig aber…
Mit Faden und Schwert bewaffnet, gelang es Theseus den Minotaurus zu erlegen und aus dem Labyrinth zu entkommen.
Unser jähzorniger Minos aber, immer noch König von Kreta, erfuhr von Dädalus „Verrat“ und ihm kochte dermassen das Blut, dass er aus lauter Wut nicht nur Dädalus, sondern auch dessen Sohn Ikarus, wahlweise, je nach Überlieferung, in das Labyrinth oder einen Turm sperren ließ.

Dädalus war ja nun nicht doof, unter anderen hatte er, neben dem Labyrinth, auch das Holzgestell erdacht, auf dem sich Pasiphaë mit dem Stier…lassen wir das…Da ein Entkommen auf konventionelle Weise aus dem Turm, oder dem Labyrinth, nicht so recht möglich war, erfand er ziemlich schnell Flügel für sich und seinen Sohn.
Vogelfedern, die mit Wachs an Stangen, und diese Stangen dann samt Federn am Körper befestigt wurden, Vogelflügeln gleich.

Damit konnten die Beiden davon fliegen. Ikarus, verständlicherweise überwältig von der Freiheit des Fliegens, flog, trotz der Warnung seines Vaters nicht zu hoch zu fliegen, natürlich zu hoch und die Sonne schmolz das Wachs und Ikarus stürzte ins Meer und starb.

Diese Sage ist schon auf vielerlei Weise interpretiert worden und ich spare mir eine weitere.
Nur soviel: Ikarus tat, was eigentlich nur allzumenschlich ist. Diese unendliche Freiheit des Fliegens und der Unabhängigkeit zu genießen und einfach immer weiter und immer höher zu fliegen, für immer. Er jagte dem Unerreichbaren nach. Und wenn die Strafe der Götter der Absturz ins Bodenlose ist, dann soll es so sein.
Aber für diesen einen, diesen großartigen, unglaublichen Augenblick der Freiheit lohnt es sich das Schicksal, oder von mir aus auch die Götter, herauszufordern.

Und nun Film ab:

Und? GENIAL, oder?

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Kultur, Kunst, Video abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Der Traum vom Fliegen

  1. joeysl schreibt:

    Absolut!

    Und jetzt wo du es sagst … ich hatte Ikarus‘ Missachtung für den Rat seines Vaters immer als übermütigen Fehler betrachtet – aus der Nachschau. Er hatte aber keine Möglichkeit vorherzusehen, was geschehen würde. Aus seiner Sicht war es naheliegend, die Gelegenheit, die sich womöglich nie wieder bieten würde, zu nutzen und so hoch wie möglich hinauszufliegen. Fly high, live fast, take it all if only for just an instant. Eine Künstlerseele vielleicht …?

    Gefällt mir

    • Natascha Randt schreibt:

      Eine Künstlerseele vielleicht, ja. Jedoch meine ich eher nicht dieses „eine Gelegenheit ergreifen“, sondern mehr so das was zB Reinhard Mey im Refrain von „Über den Wolken“ beschreibt. Oder vielleicht hat Geraldyn Cobb, als sie zwölf Jahre alt war und das erste Mal mit ihrem Vater mitgeflogen ist, es noch besser ausgedrückt:
      „Even before [we] … had reached 300 feet, I recognized that the sky would be my home. I tumbled out of the airplane with stars in my eyes.“

      Gefällt mir

  2. Karima Hoisan schreibt:

    Vielen Dank Nat, dass du die Geschichte hinter dem Film erzählt hast. Ich bin so glücklich dass du Yeskitas „Infinite“ auf deinem Blog vorstellst. Es war auch einer meiner Favoriten beim diesjährigen UWA.

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.