Natascha kehrt Heim

Jedes Flugzeug hat seine Geschichte. Viele dieser Geschichten sind schon lange bekannt, weil diese Flugzeuge Geschichte geschrieben haben.

Wie etwa die Grosvenor House, die niederländische DC-2 PH-AJU Uiver, die Bleriot XI, die Tante Ju, die Spirit of St Louis, die Spruce Goose, die Glamorous Glennis, oder auch das Fliegende Laboratorium, wie Amelia Earhart ihre Lockheed Electra nannte. Und viele viele mehr.

Manche Geschichten werden nie erzählt und einige kommen erst nach Jahrzehnten wieder ans Tageslicht.
Wie die Geschichte der Bell P-39Q-15BE No. 44-2911…

Sommer 2004

Während einer der bekanntesten Warbirdfinder (auch Wrackjäger und/oder Warbird-Hunter genannt), Jim Pearce, mit seinem Team versucht, das Wrack einer Messerschmitt Bf 109 aus einem See, dem Mart-Yavr, zu bergen, werden sie von einem Fischer auf ein weiteres Wrack aufmerksam gemacht.
In etwa fünf Meter Tiefe, in einem See am russischen Polarkreis, haben die P-39Q No. 44-2911 und ihr Pilot, Ivan Baranovski, ihr nasses Grab gefunden.
Bell P-39Q Miss Lend-Lease

Der Fund war eine Sensation, denn in der Maschine befanden sich neben den Überresten des Piloten, unter anderen, das gut erhaltene Wartungshandbuch der Maschine. Damit konnte der Weg der von Pearce und seinen Leuten „Natascha“ getauften Airacobra, von Buffalo, New York, bis zu dem See am Polarkreis nach verfolgt werden.

Die Weiße 23 war eines von fast 8.000 Flugzeugen, die über ALSIB (Die Alaska-Sibirien-Route), vom 24.09.1942 bis zum 02.09.1945 im Zuge des Pacht-und-Leihvertrages (Lend-Lease Act), auf dem Luftweg in die damalige Sowjetunion überführt wurden.

Weihnachten 1943

Am Weihnachtstag des Jahres 1943 verließ die P-39Q-15BE die Werkshallen der Bell Aircraft Corporation in Buffalo, New York.
Der Flugzeughersteller Bell wurde 1935 von Lawrence „Larry“ Dale Bell gegründet und zog in die Gebäude an der 2050 Elmwood Avenue ein, nachdem die Consolidated Aircraft ihren Firmensitz nach San Diego in Kalifornien verlegt hatte.
Bedingt durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stieg die Flugzeugproduktion rasch an und ebenso die Zahl der Mitarbeiter.
Waren im Jahr 1939 noch 2.000 Angestellte und Arbeiter bei Bell beschäftigt, so stieg die Zahl im Jahr 1943 auf über 32.000. Die Produktion der P-39 wurde ins neu errichte Hauptwerk in Wheatfield verlagert.
Zu jener Zeit bestand die Belegschaft zu etwa 40% aus Frauen. Die jüngeren Frauen machten sich eine Spaß daraus, ihre Namen und Adressen auf die Innenseite eines Wartungs- oder Instrumentenpanels der Flugzeuge mit Bleistift zu verewigen.

Winter 1944

Die erste Strecke ihres langen Weges in die Sowjetunion, führte die Cobra mit der Werksnummer 44-2911 von Buffalo nach Great Falls in Montana. Die gut 2.500 Kilometer lange Strecke, die südlich der Great Lakes entlang führte, flogen zumeist Pilotinnen der WASP (Women Air Force Service Pilots). Gerade im Winter hatten die Pilotinnen mit schlechtem Wetter zu kämpfen und ein Überführungsflug war ein Abenteuer, das sehr schnell tödlich enden konnte.

Great Falls war der Dreh- und Angelpunkt auf dem Flug nach Osten, zur nächsten Etappe nach Fairbanks in Alaska. Für die Strecke, etwa 2900 Kilometer, benötigten die Piloten schon mal 10 Tage, bevor sie wieder zu Hause waren.

In Fairbanks gab es zu Beginn der Überführungsflüge kaum Unterkünfte und die Bodenmannschaften schliefen selbst bei Minustemperaturen von manchmal -47° C in Zelten.
Mit der Zeit änderte sich das, mehr und mehr Mechaniker und Dolmetscher sowie russische Piloten trafen ein. Hier wurden die Flugzeuge gewartet und sowjetischen Inspektoren übergeben.
War die Inspektion zufriedenstellend, flogen russische Piloten die Flugzeuge nach Galeena und weiter nach Nome um zum Sprung über die Beringstrasse anzusetzen.
„Natascha“ erreichte Fairbanks am 09.01.1944. Am 1. Februar, nach erfolgreicher Wartung und Inspektion, flog ein russischer Pilot die Maschine nach Nome und dann über die Beringstrasse nach Sibirien.
Solche Flüge fanden meist in Gruppen zu fünf oder sechs Maschinen, begleitet von einem mittelschweren Bomber, wie der North American B-25 Mitchell statt.

Im März erreichte, nach vielen Zwischenlandungen und einer Flugstrecke von insgesamt 12600 km, „Natascha“ schließlich Krasnojarsk, das Ende der ALSIB. Hier bekam sie die Benennung „Weiße 23“ und die U.S-amerikanischen Hoheitszeichen wurden mit einem roten Stern übermalt.
Bell P-39Q Miss Lend-Lease

Juni bis Oktober 1944

Den ersten Flug mit der „Weißen 23“, die mittlerweile dem 773 Jagdfliegerregiment zugehörig war, unternahm ein Pilot namens Golovnyov.

Von Juni an nahm die „Weiße 23“ als Teil der 773. IAP (773. Jagdfliegerregiment), an Kampfhandlungen über der Grenze zu Finnland teil ( Fortsetzungskrieg der Sowjetunion gegen Finnland).
Dort konnten die Piloten der 773. IAP sechs finnische Morane-Saulnier MS.406 Jagdflugzeuge, sowie eine Brewster F2A Buffalo abschießen, jedoch bei neun eigenen Verlusten.

Am 18.Juli übernahm der zweiundzwanzig jährige Leutnant Ivan Baranovski die „Weiße 23“.
Nach dem Waffenstillstand von Moskau im September 1944 wurde das Regiment in die Nähe von Murmansk verlegt und nahm an der Petsamo-Kirkenes-Operation in Nordnorwegen teil.
Während dieser Zeit flog die 773.IAP zumeist Close-Air-Suppprt Einsätze, zumeist zwei pro Tag.

November 1944

Nach der Einnahme Petsamos und der norwegischen Stadt Kirkenes, startete Baranovskis Staffel am 19. November von Murmaschi zur einen Monat vorher eroberten Luftwaffenbasis Luostari. Ein Routineflug über gut 100 km.

Etwa 15 Km vor dem Ziel, scherte Baranovski plötzlich aus der Formation nach Backbord aus, drehte sein Flugzeug um 90 bis 120Grad, sein Flügelmann folgte.

Beide erhielten die Order in die Formation zurückzukehren, jedoch nur Baranovskis Flügelmann folgte dem Befehl. Baranovski konnte oder wollte dem Befehl nicht nachkommen. An Höhe verlierend verschwand die Maschine.
Bei einer kurz darauf eingeleiteten Suche aus der Luft, konnte die „Weiße 23“ nicht gefunden werden.
Sechzig Jahre lang blieb das Verschwinden der „Weißen 23“ und ihres Piloten ein Rätsel. Hatte die Maschine eine mechanisches Problem? Wenn ja, hätte Baranovski, ein erfahrener Pilot, der 90 Einsätze erfolgreich geflogen war, es durchaus mit einer Bruchlandung im nahegelegen Luostari versuchen können, statt abzudrehen. Ein ungelöstes Mysterium…bis zum

Sommer 2004

Bei der Bergung der P-39 stellten Pearce und sein Team fest, dass beide Türen der Maschine verschlossen waren und der Pilot in Erwartung einer Bruchlandung auf dem dünnen Eis sein Gurte gelöst hatte.
Wahrscheinlich war Baranovski beim Aufsetzen seiner Maschine mit dem Kopf aufs Instrumentenbrett geschlagen und entweder sofort tot oder bewusstlos und ertrank als das Wasser des Sees über der „Weißen 23“ zusammenschlug.
Während Ivan Baranovski in Murmansk mit allen militärischen Ehren bestattet wurde, ging „Natascha“ nach West Sussex in England und blieb dort in der Obhut der Warbirdfinders.

2008 – 2010

Ilya Grinberg postete einen Artikel über die Bergung des Flugzeugs und verständigte Hugh Neeson, den Präsidenten des Ira G. Ross Aero­space Museum in Buffalo, New York. Schließlich flog Neeson nach England, sah sich die „Weiße 23“ und war begeistert.
Er setzte alle Hebel in Bewegung und begab sich auf die Suche nach Sponsoren. Am 1. April 2009 erwarb Neeson die P-39Q-15BE No. 44-2911 für 400.000 US-Dollar und brachte sie zurück in die USA in die ehemaligen Werkshallen der Bell Aircraft Corporation

„Natascha“ wurde nun in Miss Lend Lease umgetauft und war nach 66 Jahren an ihren „Geburtsort“ heimgekehrt.

Die Restaurationsarbeiten konnten beginnen.
Als die Spezialisten des Museums den Motor der Maschine anhoben, fanden sie zwei große Löcher im Motorblock, wo zwei Pleuelstangen herausgeflogen waren. Man kam zu dem Ergebnis, dass schlechte Schmierstoffe an der Zerstörung des Motors und der daraus resultierenden Bruchlandung Baranovskis beteiligt waren.

Zudem fanden die Mitarbeiter auf der Rückseite einer Wartungsklappe und dem Instrumentenpanel zwei Namen, Helen Rose und Eleanor Barbaritano…

Blue skies!

Links zu Informationen über die Weiße 23:

Lend-Lease.airforce.ru

Warbirds

 

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